Vom Radio

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Im Februar 2000 habe ich meinen Radio-Talk beim Südwestfunk/ Südwestrundfunk Baden-Baden nach vier Jahren beendet. Die Programm-Ausrichtung „Eigenlob ohne Ende“, „Katastrophen ja, aber gutgelaunt“, und das Lieblingsmärchen der Radiomacher vom beschränkten Zuhörer, der nach 90 Sekunden Wort am Stück den Löffel schmeißt, ließen mir keine Wahl. Ich habe den Schritt nie bereut, gebe aber gerne zu: Radio fehlt mir.
 
Das Buch zur Sendung, „Acht Plus – Gespräche im Radio“, ist und bleibt vergriffen.
 
2001 erschien mein leider nicht unaktuell gewordener Beitrag zur Festschrift für Bischof Spital:
 
Denn sie wissen nicht, was sie senden sollen
Vom Gebrauchswert des Radios
Nein, ich nehme sie nicht in Schutz. Es gibt keine Entschuldigung. Nur ein paar Erklärungen für das Siechtum dieses Ex-Massenmediums Radio, vor allem die eine: Sie können es offenbar einfach nicht besser. Die Macher. Stets gepeinigt von der Panik, „der Hörer“ könnte abschalten. Keine Angst, das hat er längst. Innerlich. Nur so lässt sich erklären, wie immer mehr Sendezeit ungestraft totgeschlagen werden darf.
 
Bin ich ungerecht? Kommt es mir tatsächlich nur so vor, als ob in Deutschlands Radiosendern bis auf wenige Nischen und gleichnamige Programme alles gleich klingt, konfektioniert, absehbar, uninspiriert, beliebig und belanglos. Eine einzige seelenlose Geräuschkulisse.
 
Achselzucken erntet man, hört man die Macher, gar beifälliges Nicken. Und eine prompte Schuldzuweisung. Schuld hat - natürlich der Hörer. Denn er will es so. Hat es folglich auch nicht besser verdient. Er ist schließlich der Programm-Chef. Denn sie haben ihn ja gefragt. Genauer, fragen lassen, weil sie eigentlich nichts mit dem Hörer zu tun haben wollen, anspruchslos, wie er nun mal ist. Das übernehmen unaufhörlich gutbezahlte Hörer-Forscher, Medienanalysten, Musik-Consulter, in- und externe Berater und sonstige Besserwisser, die sich heuschreckenartig verbreiten, „den Hörer“ ausquetschen, was er wann, wie häufig, wie kurz und von einer eher männlichen oder eher weiblichen Stimme hören möchte. Anschließend warten sie mit ebenso absurden wie detaillierten Erkenntnissen auf, die je nach Binnenlaune im Sender zur „Programmphilosophie“ erhoben und spätestens alsbald wieder verworfen werden. Das macht sie auch in diesen Kreisen so beliebt und sichert ihren Arbeitsplatz: Sie wissen stets zu erläutern, warum ein Programm nicht erfolgreich sein und wieso ihr Arbeitgeber gar nichts dafür können kann.
 
Ja, unsicher sind sie, die Macher. Denn ihnen fehlt das Wichtigste: Sie spüren es nicht. Sie fühlen nicht, was Radio eigentlich ausmacht. Und so schwelgen sie in Musikfarben, Wortanteilen, Sender-Uhren, debattieren Beitragslängen, Formatbrüche, Anmutungen, Ansprache, Moderatorentraining und Trailerbetten. Statt sich einfach der Frage zu stellen: Berührt dieses Programm? Klar, müssten sie doch passen, würden hilflos mitstoppen, in Statistiken blättern, um schließlich eine Runde einzuberufen, in die sie blicken könnten, um die Stimmung auszuloten. Nein, sie haben es einfach nicht, keine Idee, keine Inspiration, keine Vision, nur leider eine Position. Und irgendwer hat sie vermutlich gerade deshalb auf ihren Posten gesetzt, weil sie nicht gefährlich werden. Aber gerade die anderen bräuchte dieses sterbende Medium. Die haben Radio zu dem gemacht, wovon es heute allenfalls noch zehrt. Getriebene, Engagierte, Mutige, Innovative, Spinner, Verrückte, Fanatiker. Persönlichkeiten, die etwas bewirken, die Radio machen wollen, Verwalter haben wir genug.
 
Und so bleibt als Produkt dieser quälende, gleichförmige, unendliche Minimalkonsens. Das, was den meisten bestenfalls am wenigsten weh tut, was sie am ehesten dulden. Was idealerweise nicht einmal bemerkt wird. Das ist ihre traurige Mission.
Dabei versichern sie sich mit konspirativen Mienen mehrmals täglich, bevorzugt an Kantinentischen bei Weißweinschorle, alles ungleich besser und endlich richtig zu machen, dürften sie endlich das Programm so gestalten, wie sie es selber goutierten. Sie, die sie sich allenfalls Deutschlandfunk oder ausgewählte Kultursendungen zumuten, das eigene Programm ohnehin nicht ertragen können. Ja, wenn sie könnten, wie sie wollten. Aber dieser Hörer will es eben so dürftig.
 
Einzig, wenn die Nachrichten-, Gerüchte- und Katastrophenlage es hergibt, blühen sie auf, sind in ihrem Element, verfallen in Aktivismus, setzen knallhart an der Sache die allmächtigen Hebel der Informationsbeschaffung in Bewegung. Nichts zählt mehr, wenn triumphierend die neueste Anzahl von Todesopfern in den Äther geblasen werden darf. Das ist ihre Stunde, das haben sie gelernt, hier fühlen sie sich sicher und noch omnikompetenter. Findige Journalisten stellen stets die drei entscheidenden Fragen: „Weiß man schon etwas über die Hintergründe? Sind Deutsche unter den Opfern? Und welche Vorwürfe kann man den Einsatzkräften schon im Vorfeld machen?“ Denn sie wollen es einfach wissen. Nicht genau - aber sofort. Wenn es nach ihnen ginge, dann gäbe es in den Sendern nur noch zwei Abteilungen: aktuell und brandaktuell.
 
Doch was, wenn das in Aussicht gestellte Erdbeben verschoben wird, wenn nur Sachschaden die Karambolagen ziert, wenn nichts zur Krise aufgebauscht werden kann? Dann heißt es warten, weitersenden und vielleicht noch einmal mehr überschwenglich und spekulativ „live“ zur Börse schalten, „...gleich mehr nach der Musik!“
 
Doch da ist zum Glück ja noch der Hörer. Ist der nun schon verantwortlich für das armselige Programm, so lautet die perfide Konsequenz, soll er doch gefälligst auch selbst das Programm machen. Und so muss er vor allem eines: unbedingt, unaufschiebbar und vor allem unaufhörlich: anrufen. Bevorzugt diese jämmerlichen Hotlines.
 
Was als Ereignis, als Schaffung von Hörernähe begann, ist längst zur unkalkulierbaren Plage geworden. Nirgends kommen die Menschen so viel zu Wort wie in den Medien. Der Hörer soll sich etwas wünschen, grüßen, fragen, seine Meinung zu allem und jedem äußern, abstimmen, mitraten, und er soll sich gelegentlich und in vertretbaren Dosen offenbaren. „Ihre Fragen rund um den Fußpilz!“ - „Und wie ist das mit Ihren Schuldgefühlen, erzählen Sie mal!“ - „Ihre Erfahrungen mit Silberfischen?“ - „Sollen die Geiseln gewaltsam befreit werden?“ - „Haben sie auch einmal einen Flugzeugabsturz überlebt, jetzt anrufen!“ - „Merkel zum Frisör, Kohl an die Wand, Möllemann in die Nationalelf - ja oder nein?“
 
Nein. Denn was der Hörer sagt, interessiert keinen wirklich. Er gerät in eine Welt, in der jeder Politiker, Sportler, Schauspieler, schlicht jeder, ob nun „Promi“ oder ahnungsloser Umfragen-Passant nicht als Mensch, sondern als O-Ton begriffen wird. Und auf der ständigen Jagd nach solchen ist der Hörer nun mal der billigste. Man kann ihn jederzeit abrufen, einbauen und ihm zur rechten Zeit den Hahn abdrehen, Denn der Hörer ist - natürlich - beileibe viel zu unpräzise, zu unpointiert, als dass er ungeschnitten „über Sender gehen“ könnte. „Da kann man raus!“, lautet denn auch die wichtigste Grundregel, wie man mit einem nachdenkenden, vielleicht nur Atem holenden Menschen zu verfahren hat. Kurz, prägnant, die Emotion auf den Punkt, und dann „...das wächst wieder zusammen, ich drück’ Ihnen die Daumen, toitoitoi!“
 
Denn der moderne Hörer darf auch Probleme haben. Die können im Bereich der Schädlingsbekämpfung, der Darmpflege, der Haftpflichtversicherung und sogar noch tiefer im Innern liegen. Hauptsache, sie „kommen knackig rüber“ und finden im rechten Rat ihren würdigen Abschluss. Denn Radio ist kompetent, weiß alles, und Radio hat überdies immer Recht. Wenn der Hörer Pech hat, gerät er also nicht nur an einen windigen Scharlatan, der ihm die sofortige Trennung von Frau und Kind anempfiehlt, „...denn in elf Monaten triffst du deine Traumfrau!“, sondern noch an einen ambulanten Psycho-Experten, dessen weise Weisung im Vorbeigehen er auch noch preisen darf „Es ist deine Mutter-Beziehung! Kannst du damit was anfangen? Denk mal drüber nach!“ Denn die Zeit, sie ist um. Tatsächlich? Wieso eigentlich?
Arrogant, besserwissend, den Hörer alles, nur nicht ernst nehmend. Ohne Respekt vor dem Medium, geschweige denn vor dem Menschen. Verwurstet zwischen Nachrichtenminuten, Hintergrund-, Service- und bunten „Stückchen“. Gebettet in und unterlegt wie alles mit dieser unsäglichen Musik, um ja keinen Moment der Stille aufkommen zu lassen. Nervös, ungeduldig, gierig. Hier hat keine Tiefe, kein Innehalten, kein Nachdenken, keine Substanz Platz. Es störte dieses Gleichmaß der Überflutung. Und das wäre beängstigend, stellte es doch das ganze System in Frage. Das überlässt man den Kirchenminuten. Abgedeckt. Jetzt erst mal schnell weiter, bevor einer die Blutleere bemerkt. Denn es bleibt nichts von diesem Programm. Doch, vielleicht ein buntes Sender-T-Shirt. Versendet. Tja, schade, wir sind eben neugierig, aber leider nicht interessiert.
 
Es gab Zeiten, da wurde das Medium missbraucht, mittlerweile sind es die Hörer, die missbraucht werden.
 
Und das ist der Trost: Es scheint ein Ende der Duldsamkeit mit dieser Programmdauerwurst abzusehen. Manchmal, wenn ich schadenfroh aufmerke, weil ich wieder einen Satz höre wie „Ey, alle Leitungen blinken, es wird wieder angerufen wie blöd, aber wir haben da ein kleines technisches Problem...“, da beschleicht mich ein Verdacht: Sie haben gar keinen Hörer mehr. Zuhörer sowieso nicht, nein, Hörer überhaupt. „Wenn schon Radio, dann lieber Fernsehen!“, sagt der sich nämlich, legt seine Lieblings-CD auf, kauft Hörbücher, liest Zeitung, bedauert nicht, dass er nicht schon am Vortag (oder noch schlimmer am gleichen Tag) erfahren musste, was er gerade liest und hört allenfalls bei Nachrichten hin. Das Anrufen überlässt er professionellen Sender-Teams, also in aller Regel dessen Hospitanten. Was sollte ihn auch locken, würde er doch gewiss nur den Radio-Wecker beim Super-Rätsel gewinnen (mein Lieblingssatz: „Hab’ ich schon!“).
 
Nein, nein, ich meine nicht so sehr die Privatsender, die sich im Interesse der werbetreibenden Wirtschaft damit begnügen, Menschen ihre Reichweite zu nennen, die stündlich Autos und zunehmend Millionen ausloben, damit bei den ent-sprechenden Hörerbefragungen möglichst viele halbwegs fehlerfrei memorieren, wo man „den besten Mix, die knackigsten News und die geilsten Voices“ hören kann. Oder war es umgekehrt?
 
Nein, ich meine auch nicht die willfährigen Plapperer, die sich ohne Scheu in jedes Mikrophon ergießen. Die Zwangs-Jungen, penetrant wohlgelaunt und sympathisch, ein bisschen frech, große Klappe statt Persönlichkeit. Denen man zugute halten kann, dass sie erst gar nicht den Eindruck erwecken, als hätten sie uns etwas zu sagen. Die ich längst nicht mehr unterscheiden kann, weil Prozessoren ihr laszives Gurren, munteres Quietschen oder investigatives Nachhaken zu einem womöglich ebenfalls empirisch ermittelten Einheitswohlklang aufblasen. Nein, kein Vorwurf. Sie werden gebraucht und nutzen verständlicherweise die Chance. Ich meine die dahinter. Die das zulassen. Die sie rufen, sich bevorzugt umgeben mit diesen Stereotypen, deren Kontur-, Leb- und Erfahrungslosigkeit wohl zur Einstellungsbedingung geworden ist. Die die Austauschbarkeit postulieren, um die eigene Unsicherheit durch die der Untergebenen und Abhängigen zu kaschieren.
 
Und ein letztes Nein: Es ist alles überhaupt nicht witzig. Es ist ein Trauerspiel. Denn hier geht es nicht um einen fälligen Strukturwandel, die Krise eines Marktsegmentes, es geht um den Niedergang eines ganz besonderen Mediums, das den Menschen so nahe kommt, wie es das Fernsehen nie vermag, diesem deshalb weit überlegen ist. Denn es lässt ungleich mehr Raum für den Empfänger, ist mit ihm oft alleine, im Auto, im Bad, im Büro, beim Bügeln, beim Einschlafen und Aufwachen. Lässt Fragen offen, zerrt nicht alles ans Licht, lässt Bilder und Gedanken zu. Es fordert uns, denn wenn wir wollen, können wir die falschen Töne hören, spüren. Die meisten jedenfalls. Denn Distanzslosigkeit ersetzt nicht Wahrhaftigkeit. Ein Medium, das uns im besten Fall bewegt, provoziert, berührt. Durch ein Wort, einen Ton, eine Melodie, eine Pause. Und das sich so den eigentlichen, den zentralen Fragen unserer Daseinsbewältigung widmet. Ein Medium, das es verdient hat, wenigstens von uns ernst genommen zu werden.
 
Wir Hörer sind lange genug unterschätzt und unterfordert worden. Machen wir es ihnen nicht so leicht. Nehmen wir sie beim Wort. Hören wir, so schwer es fällt, zu. Lasst uns sie kontrollieren und überführen. Wir müssen nachfragen, einfordern, monieren, mahnen, konfrontieren, wir müssen ihnen die Ausreden abschneiden. Helfen wir, sie zu erlösen von einem Job, den sie nicht zu schätzen wissen. Keine Sorge, sie fallen weich. Packen wir sie bei dem, was sie am wenigsten wahrhaben wollen: Verantwortung.