Vom Dialekt

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Arnim Töpel
Unn – kennsch misch noch?
Warum Kurpfälzisch nicht sterben darf.
Die Zukunft: Dialekt im Museum? Ein paar lebenslustige Senioren sitzen in einer stilisierten Stube an einem groben Holztisch und prosten sich zu. Zur Freude der umstehenden Besucher, die kein Wort verstehen, aber begeistert sind von den urtümlichen Lauten, mit denen man sich früher offenbar verständigen konnte: „Ähna geht noch!“ – „Unn fott mit!“ – „Hopp, hopp, hopp, Schoppe in de Kopp!“ Von 10 bis 18 Uhr verdienen sich die Rentner hier im Nostalgie-Center zwischen Schreibmaschinen, Dreschflegeln, Bonanza-Rädern, Bettpfannen und anderen historischen Gerätschaften ein kleines Zubrot. Bald hat jeder Zuschauer seinen Favoriten. Für die Amerikaner ist es der „Bruddla“ mit seinem unnachahmlichen „Ououououou, geh fott!“ Japaner zeigen sich regelmäßig begeistert vom „Zorniggl“. Nur zu gerne lassen sie sich von ihm als „Liejebeitel, dreggedde“ beschimpfen. Auch ein paar in der Region Geborene sind diesmal dabei. „Yo, man“, raunen sich Kevin, Marvin und Justin zu. Das war er, der Sound vom Grandpa, wenn der sie damals mitnahm. Wohin gleich? Ehrgeizig kramen sie in ihren Erinnerungen. „Kerbe? Köhrwe? Kehrweh?“ Oder war das der Ausdruck für den wöchentlichen Reinigungsdienst? Die charmante Hostess am Ausgang mit dem lustigen „I am a Orschel“-T-Shirt kann leider nicht helfen. Sie stammt aus Paderborn und analysiert für ihren Bachelor gerade den Einfluss von Programmieren im Stehen auf Lagerhaltungssoftware. Wird es schon bald so sein? Mundart – verkommen zum bloßen Nostalgievehikel? Ja, das zeichnet sich ab.
 
Mundart mangelhaft
Wer beherrscht heute noch Dialekt? Dialekt begriffen als eigenständige Sprache, mit eigener Grammatik (derwu, diewu, deswu), differenzierten Konjugationsformen (isch gähngt, Du gähngsch, sie gähngde) und unterschiedlicher Ausprägung von Dorf zu Dorf („Der? Der kummt vun Schriese, des heat ma glei.“). Die Älteren, gut. Aber die Jungen? Von Jugendlichen und Kindern ganz zu schweigen. Die haben allenfalls noch einen mundartlichen Akzent, mit dem sie diese eigenartigen Rest- und Rumpfsätze versehen, angereichert mit SMS-Kürzeln und international anerkannten Obszönitäten. Ein erstaunlich rascher Wandel. Als ich zur Schule kam, gerade einmal gut vier Jahrzehnte her, sprachen außer mir lediglich zwei von 38 Schülern Hochdeutsch. Nun, das ist heute ähnlich. Allerdings sprechen die Schüler keinen Dialekt, stattdessen neunzehn verschiedene Landessprachen, von denen die Lehrerin keine einzige versteht. Dafür gibt es in der Grundschule Englischunterricht, und sie lernen, Computer zu befehligen. Ein fabelhaftes Konzept, die Schüler sollen später selbst entscheiden, welche Sprache sie sprechen. Gar keine?
 
Sprache verändert sich
Die Welt wandelt sich beständig, durch die schier unbegrenzte Mobilität und globale Vernetzung bis ins entlegenste Tal immer rasanter. Sprache muss sich anpassen. Mit durchaus positiven Begleiterscheinungen. Denn Dialekt hat auch immer etwas Ausgrenzendes, worunter ich als Kind durchaus litt („Hea, wiesso sprichsch Du so vornehm?“). So manche liebgewonnene Formulierung, etwa beim Metzger („Woscht willsch? Welli?“), entpuppte sich durch verstärkten Umgang mit Nichteinheimischen als umsatzschädlich. Und die Zeiten, da man die Gemarkungsgrenze zum Nachbarort aus Prinzip allenfalls überschritt, um sich zu prügeln, sind vorbei. Längst begegnet man einander (weitgehend) frei von Ressentiments in Einkaufszentren und Unterhaltungsarenen, ja, man heiratet gar ohne Ansehen der Herkunft („Ähni vun Hoggene? Uhmeeglisch!“). Die reine Form des lokalen Dialekts ist also nicht mehr zu erhalten. Und dennoch, es gibt sehr wohl einen Konsensdialekt für unsere Region. Doch selbst der droht zu verschwinden. Das ist erklärlich. Die Sprachprägung erfolgt heute nicht mehr durch Eltern, Lehrer, Pfarrer. Das übernehmen die Medien. Und die Mediensprache ist Hochdeutsch. Beziehungsweise das, was davon übrig bleibt.
 
Dialektarme Medien
Mundart taucht bevorzugt in volkstümlichen Sendungen auf oder taugt als Gagversicherung, wenn ein „Comedian“ die unbegründete Sorge hat, man könnte ihm den Trottel nicht abnehmen. In den Massenprogrammen von ARD bis RTL gibt es Dialekt sprechende Menschen sonst nur im Bereich der Doku-Soaps. Er dient hier in der Regel als diskriminierendes Milieumerkmal. Selbst in den regional operierenden Medien findet sich kaum Dialekt. Dabei, würden die „Nur wir sind von hier“-Radios mit Mundart wuchern, sie müssten ihre regionale Verbundenheit nicht so hartnäckig in der Eigenwerbung beteuern. Diese Entwicklung kommt nicht überraschend. Mundart war lange genug verpönt, galt als unschicklich, als Sprache der Ungebildeten, der schlichten Gemüter. Diese fatale Stigmatisierung zeigt nun Wirkung.
 
Ist Kurpfälzisch besonders bedroht?
Ja. Denn wir verfügen nicht über einen populären Dialekt, uns fehlen dafür schon immer die Repräsentanten. Wo ist der Nobelpreisträger, Popstar, Politiker, Sportler, der sich eben auch als Botschafter unserer Sprache begreift? Im Unterschied zu den Bayern haben sich unsere Prominenten stets bemüht, ihren Dialekt abzulegen oder zumindest zu verbergen. Man kennt Kurpfälzisch nicht, aber man weiß, wie es klingt, wenn ein Kurpfälzer versucht, betont „Hochdoitsch zu schpreschen“. Bei uns meidet selbst der „Tatort“ aus Ludwigshafen die Mundart, und Joy Fleming gebührt das nicht zu unterschätzende Verdienst, unserer Region vor bald 40 Jahren mit dem „Neckarbrücken-Blues“ das erste und nach wie vor einzige akustische Denkmal deutschlandweit gesetzt zu haben.
 
Brauchen wir überhaupt Dialekt?
Sollen wir uns mit dieser Entwicklung nicht einfach abfinden? Mundart abhaken als überkommene sprachliche Blüte des vorglobalisierten Zeitalters? Was ist das Besondere am Dialekt? Außer, dass er für Außenstehende lustig klingt. Nun, seine Vorzüge hängen unmittelbar mit dem zusammen, was ihm zum Verhängnis werden kann: man kann ihn nicht aufschreiben. Es fehlen die Buchstaben für diese Vielfalt von Lauten. Allein das „o“ gibt es bei uns in schätzungsweise 26 verschiedenen Nuancen. Dialekt kann man deshalb auch nicht lernen wie eine Fremdsprache. Wer das versucht, dem gelingt allenfalls das Nachahmen, die Parodie. Lautbildung, Sprachmelodie und Rhythmus, ja, nicht zuletzt die beredten Pausen müssen erfahren, erlebt und gelebt werden. Fatalismus, Kraft und Verzweiflung, all das kann in einer einzigen Silbe stecken: „Unn?“. Und alles ist gesagt. Doch genauso hört der Kenner an dieser Stelle jeden falschen Ton, jede Anbiederung. Dialekt ist eben unverblümt, wahrhaftiger. Dabei ist er entgegen dem verbreiteten Vorurteil gerade nicht zwangsläufig derb, roh und tumb. Wir kommen nur nicht mehr auf die Idee, ihn auch für komplexe, anspruchsvolle Inhalte zu nutzen. Was selbstverständlich möglich wäre. Predigten, Vorträge, nüchterne Nachrichten, ja, selbstverständlich auch zärtliche Liebeserklärungen, es gibt nichts, was nicht im Dialekt auszudrücken wäre. Doch wir haben ihn als seriöse Sprache aus unserem Alltag weitgehend verbannt.
 
Sprache des Herzens
Emotionaler, persönlicher, direkter, das sind also die Vorzüge gegenüber der Hochsprache. Wenn dem so ist, sollten wir uns dann nicht ganz pragmatisch auf einen einzigen deutschlandweiten Dialekt verständigen, für dessen Erhalt wir dann sorgen? Motto „Deutschland sucht den Superdialekt“? Ein wunderbares Wahlkampfthema, nachgerade ein Konjunkturprogramm mit zahllosen basisdemokratischen Rankings (Wo möchten Sie diesen Dialekt gerne häufiger hören: Schwäbisch in der Sauna? Sächsisch bei Polizeikontrollen?). Oder wir setzen lieber gleich eine Kommission ein, die einen tauglichen Dialekt entwickelt. Dem Proporzgedanken verpflichtet, pickt sie sich die lustigsten Ausdrücke, die einprägsamsten Formulierungen, die emotionalsten Laute aus allen Dialekten heraus und schafft so einen neuen, gesetzlich anerkannten Einheitsdialekt. Verbindliches Regelwerk, Lehrstühle, Quotenverpflichtung von ARD und ZDF, Nachrichten im Zweikanalton…
 
Alle oder keiner
Warum sollte gerade Kurpfälzisch überleben? Weil es so schön ist. Besser, musikalischer, origineller als alle anderen. Weil es die schönste Sprache der Welt ist. Bloß nicht! Oder hat uns dieses verquirlte „Mia sin mia“-Gehabe je weitergebracht? Nein, alle Dialekte sollen überleben. Weil wir sie brauchen. Weil sie uns noch ein bisschen Halt geben in einer haltlosen Welt. Moment! Höre ich uns im Schriftdeutsch erstaunlich emotional triumphieren. Wir brauchen doch keinen Halt mehr. Wir sind doch längst auf der ganzen Welt zu Hause. Wir sprechen mehrere Fremdsprachen fließend und können uns zur Not mit Abrechnungsprogrammen verständigen. Unser Lebensgefühl finden wir im Internet, und wenn wir uns mit unserer Vergangenheit auseinandersetzen wollen, dann besuchen wir Ü 30-Parties. Wir sind offen für alles und jeden, dem Fortschritt verpflichtet, der Zukunft zugewandt. Ja, an das Leben stellen wir hohe Ansprüche. Tja, nur schade, dass wir menschlich mit denen so gar nicht mithalten können. Denn wir sind entwurzelt. Wir begegnen einander als Dienstleister. Beziehungsunfähigkeit wird zum Vorzug im Bewerbungsgespräch. Wir wissen, woher wir kommen, aber es interessiert uns nicht mehr. Wir sind vollauf beschäftigt, uns eine Identität zu basteln. Und stolz, wenn wir „ich“ bei Google eingeben und Millionen Treffer erzielen. Bestens in Form, aber nicht zu fassen. Konkret und unverbindlich. Begeistert, dass in unserem Patchworkleben gleich mehrere Muttersprachen gesprochen werden. Wir verwechseln Sein und Haben, Leben und
Lebensgefühl.
Und in dieser Situation ist Dialekt vielleicht der letzte Wegweiser auf der Suche nach uns selbst. Das finden Sie übertrieben? Na und!
Wohin hat uns denn die individuelle Vereinheitlichung gebracht? Hoamzuus? Hoamzuus - was für ein wunderbares Wort. Dieser simple Begriff, für dessen Bedeutung man im Hochdeutschen einen kleinen Vortrag bräuchte, umschreibt, wonach wir uns alle sehnen. Lassen wir uns das nicht ausreden. Nicht einmal von uns selbst. Weesch, was isch mähn? Alla, macht was draus!
 
(Veröffentlicht am 29.8.2009 in der Rhein-Neckar-Zeitung)